Wenn das Kunstlied neue Wege geht

Mit #LIEDINNOVATION gibt das Rhonefestival für Liedkunst Künstler:innen Raum, neue Formen für eine traditionsreiche Gattung zu entwickeln. Zum 100. Todestag Rainer Maria Rilkes ist am 26. September im Stockalperschloss in Brig das ausgezeichnete Projekt «Requiem für einen jungen Künstler» zu erleben.

Was kann ein Liederabend heute sein? 

Muss er aus Gesang, Klavier und einer klassischen Konzertsituation bestehen – oder kann das Lied auch Performance, Installation und Experimentierfeld sein? Mit seiner internationalen Ausschreibung #LIEDINNOVATION lädt das Rhonefestival für Liedkunst seit 2020 Künstler:innen und Ensembles dazu ein, neue Wege zu erkunden. Im Mittelpunkt bleibt die Verbindung von Musik und Poesie – allerdings mit der Freiheit, sie neu zu denken. Ungewöhnliche Instrumente können ebenso Teil eines Projekts sein wie Elektronik, Bewegung, Licht oder szenische Elemente. Das Kunstlied soll dabei nicht als Museumsstück verstanden werden, sondern als lebendige Kunstform, die sich weiterentwickeln kann.

#LIEDINNOVATION ist deshalb mehr als ein Wettbewerb: Das Rhonefestival wählt Projekte nach musikalischer Qualität, künstlerischer Idee und ihrer Wirkung auf das Publikum aus und unterstützt anschliessend ihre Realisierung in Brig. Bei der jüngsten internationalen Ausschreibung wurden 24 Projekte eingereicht – von traditionellen Liederabenden über Elektronik, Tanz und Lichtinstallationen bis hin zu Virtual Reality, künstlicher Intelligenz und partizipativen Formaten.

Rilke und das Wallis

Im Zentrum der sechsten Ausgabe steht Rainer Maria Rilke (1875–1926). Nach seinem 150. Geburtstag im vergangenen Jahr jährt sich 2026 sein Todestag zum 100. Mal. Für das Rhonefestival liegt die Verbindung nahe: Rilke verbrachte seine letzten Lebensjahre im Wallis und fand in Raron seine letzte Ruhestätte.

Gesucht wurden Projekte, die Rilkes Poesie aus heutiger Perspektive betrachten und neue Formen für ihre Aufführung finden. Die Jury vergab zwei erste Preise, verteilt auf die Festivalsaisons 2025 und 2026. Nach den Duineser Elegien des Duo Ardea im vergangenen Jahr folgt nun das zweite ausgezeichnete Projekt: «Requiem für einen jungen Künstler».

Zwischen Lied, Klanginstallation und Szene

Hinter dem diesjährigen Projekt stehen Carlotta Lipski (Sopran), Magdalena Wolfarth (Klavier), Charlotte Kaiser (Mandoline) und Timm Kornelius (Fagott). Die vier lernten sich an der TONALi Bühnenakademie in Hamburg kennen, die Musiker:innen darin begleitet, eigene Konzertformate und künstlerische Projekte zu entwickeln. Lipski und Wolfarth bilden ein Liedduo, Kaiser und Kornelius arbeiten mit ihrem Projekt «Grenzgänge» an der Schnittstelle von Musik und Performance. Für diesen Abend finden sie erstmals in dieser Konstellation zusammen. Im Zentrum steht die Frage, was es bedeutet, loszulassen und aus Vergangenem neu zu wachsen. In Anlehnung an Rilkes Gedankenwelt erscheint der Tod dabei nicht nur als Ende, sondern als Raum der Verwandlung. Angst, Einsamkeit und Zweifel stehen ebenso im Raum wie Neubeginn und künstlerische Wiedergeburt.

Auch musikalisch verlässt der Abend vertraute Wege: Stimme und Klavier treffen auf Mandoline, Fagott und Elektronik. Lieder, Textfragmente, Improvisationen und Klanginstallationen verbinden sich zu einer szenisch-performativen Inszenierung. Musik von Mozart, Schönberg, Rihm, Libby Larsen, Bernd Alois Zimmermann, Alma Mahler, Ruth Schonthal, Dora Pejačević und Brahms wird dabei in einen neuen Zusammenhang gestellt – mit überraschenden Brüchen und Momenten der Selbstironie.

So wird unmittelbar erlebbar, worum es bei #LIEDINNOVATION geht: das Kunstlied nicht neu zu erfinden, sondern seine Möglichkeiten zu erweitern. Vertrautes Repertoire trifft auf neue Klänge, andere Ausdrucksformen und heutige Perspektiven.

«Requiem für einen jungen Künstler» findet am Samstag, 26. September 2026, um 19.30 Uhr im Rittersaal des Stockalperschlosses in Brig statt. Der Eintritt beträgt CHF 30.–, ermässigt CHF 15.– bis 26 Jahre. Für AMO-Schüler:innen sowie mit Kultur-GA ist der Eintritt frei.

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Rilke zwischen Abschied und Verwandlung

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