Das Lied ist Ausdruck persönlichster Regung und Empfindens, die menschliche Stimme immer schon schönste und unmittelbarste Möglichkeit, sich mitzuteilen – und damit auch Ideal jeglicher musikalischer Äusserung.

Leider drohte das Kleinod in der Vergangenheit fast ganz zu verschwinden, weil die Veranstalter es nicht pflegten. Zu klein, zu gering die Aufmerksamkeit, zu wenig der Gewinn. Dabei fasziniert nach wie vor die Verschmelzung von Wort und Ton, die direkte Kommunikation mit einem Publikum, das einem niemals näher ist.

So ist es auch für mich selber die intimste, aufregendste Form meines künstlerischen Ausdrucks und ich stehe nach einem Rezital immer erschüttert da, nachdem ich die Seelenstürme wunderbarer Dichter und kongenialer Komponisten komprimiert auf weniger als zwei Stunden durchleben durfte.

Immer noch ist man zaghaft gegenüber der Kunst, die doch eine treue und sehr entwicklungsfähige Zuhörerschaft hat. Aber es gedeiht leise wieder, in Provinz und Großstadt.

Ich möchte den Initianden und Organisatoren dieses neuen Festivals in meiner schönen Heimat danken, dass sie an das Lied-Gen glauben und hoffe mit ihnen, dass sie damit auf Erfolg und Wohlwollen stossen.

Allen beteiligten Künstlern wünsche ich von Herzen beglückende Momente.

Das Lied muss leben, dann liebt es zurück.
Denn alles, was anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süsses Lied.

Rainer Maria Rilke

Rachel Harnisch, Sommer 2017